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Aktuelle Geschichte Siebenbürgens


Wolfgang Wittstock, Kronstadt:

„Bericht über die Art und Weise, in der ich die Ereignisse im Dezember 1989 in Rumänien miterlebt habe"


Schon seit längerem hatte ich es mir zur Gewohnheit gemacht, in der Früh vor dem Aufstehen, von 6.30 bis 6.45 Uhr, die viertelstündige rumänische Sendung von "Vocea Americii" (Die Stimme Amerikas) zu hören. Wenn ich früher aufstehen mußte, so hörte ich um 6 Uhr Nachrichten – entweder vom österreichischen Rundfunk in deutscher oder aber von "Europa liberå" (Freies Europa) in rumänischer Sprache. In letzter Zeit aber konnte ich den österreichischen Rundfunk schwerer empfangen, so daß ich in der Früh meist aus dem Ausland kommende Nachrichten in rumänischer Sprache hörte.

Auf diese Weise erfuhr ich Montag, den 18. Dezember, zum ersten Mal von den schrecklichen Ereignissen in Temeswar. Möglich, daß bereits in dieser ersten Sendung Augenzeugenberichte zu hören waren, von menschen, die in der Nacht von Sonntag auf Montag nach Ungarn geflüchtet waren – so genau weiß ich das jetzt nicht mehr.

In der Redaktion wurden wir vom Chefredakteur sofort zu einer Sitzung zusammengetrommelt. Er sagte etwa folgendes: Ihr habt gehört, was in Temeswar geschehen ist. (Der Chef setzte voraus, daß wir ausländische Sender gehört haben.) Und weiter: Gestern Nachmittag wurde ich zum Kreisparteikomitee gerufen, zu einer Schaltkonferenz mit Nicolae Ceausescu. Über das Land wurde der Ausnahmezustand verhängt (allerdings nicht offiziell). Kein Redakteur, kein Parteiaktivist (als solche wurden wir immer wieder mißbraucht, weil unsere Herausgeber Kreisvolksrat und Kreisparteikomitee waren) darf die Stadt ohne Erlaubnis verlassen. – Mehr über die Ereignisse in Temeswar, über die Schaltkonferenz mit Nicolae Ceausescu wollte, konnte oder durfte der Chefredakteur nicht sagen, trotz diesbezüglicher Fragen. Erst gegen Mittag erfuhr ich von ihm, daß die Landesgrenzen gesperrt seien, daß keine Touristen mehr ins Land dürfen, daß ausländische Gruppen, die Sylvester in Rumänien, z.B. in der Schulerau, feiern sollten, dies nicht mehr tun können.

In den rumänischen Massenmedien (Zeitungen, Radio, Fernsehen) wurde über die Ereignisse in Temeswar zunächst ausgiebig geschwiegen. Um so ausführlicher hörten wir nun am Abend und in der Früh "Europa liberå" und "Vocea Americii". Mittwoch abend (19 Uhr) dann endlich eine Stellungnahme des Diktators im Fernsehen, in der von Hooligans, Faschisten u.ä. die Rede war und die das ganze Land empört hat.

Die "Karpatenrundschau", die Kronstädter deutsche Wochenschrift, bei der ich zur Zeit als verantwortlicher Redaktionssekretär arbeite, hat Mittwoch nachmittag Redaktionsschluß. Viele Jahre – und dies gilt auch für den Zeitpunkt meines Berichts, erst vor ein-zwei Wochen hat sich dies geändert – wurde unser Blatt zwar Mittwoch nachmittag für den Druck vorbereitet (d.h. kalandriert, die Bleiform gegossen, facettiert usw.), aber erst am Donnerstag abend gedruckt. Auch am besagten Mittwoch hatten wir die Ausgabe fix und fertig abgeschlossen. Aber Donnerstag früh kam von der Presseabteilung des Zentralkomitees die Anweisung, die Fernsehrede Ceausescus abzudrucken. Das bedeutete praktisch, den Druck um einen Tag aufzuschieben, weil wir nicht autorisiert (und auch nicht darauf eingestellt) waren, offizielles Material zu übersetzen. Derartiges nahmen wir, wenn´s unbedingt sein mußte, aus der Bukarester deutschen Tageszeitung "Neuer Weg", die aber Offizielles (z.B. die vielen Ceausescu-Reden) auch nie von heute auf morgen, sonder von heute auf übermorgen, in diesem Fall also mit dem Freitagsdatum druckte.

Vom Kreisparteikomitee kam außerdem Donnerstag früh die Anweisung, daß u.a. auch drei "Karpatenrundschau"-Leute an Loyalitätskundgebungen, die im Laufe des Tages in allen Betrieben, in allen Ortschaften stattfinden sollten, dabeisein müssen. Ich erklärte mich bereit, nach Tartlau zu fahren, eine 20 km von Kronstadt gelegene Gemeinde, wo ich Leute und Verhältnisse einigermaßen kenne, da ich hier von der Redaktion aus für die Werbung für unsere Wochenzeitschrift zuständig bin. Es war nicht Pflichtbewußtsein, was mich veranlaßt hat, diesen Auftrag anzunehmen: Vielmehr wollte ich unter die Leute kommen und hören, was sie von den Vorfällen halten.

Den Donnerstag vormittag verbrachte ich allerdings noch in der Redaktion. Es war spannend genug: Im Fernsehen sahen wir die Volksversammlung in Bukarest, die als Loyalitätskundgebung gedacht war, aber für Ceausescu mit einem Fiasko endete. Als er zu reden begann, hörte man plötzlich Schreie, Pfiffe (auch Schüsse?), dann verschwand das Bild, und wir meinten das die das Ende. Aber nach kurzer Zeit wurde die Übertragung fortgesetzt, Ceausescu hielt seine Rede bis zu Ende, die Aufnahmen von der fahnenschwingenden Menge waren jedoch offensichtlich getrickst. Diese Fernsehsendung war das Fanal, das dem ganzen Land gezeigt hat: Auch in Bukarest ist das Volk zum Widerstand entschlossen.

Noch am gleichen Vormittag erfuhren wir, daß in Hermannstadt bereits geschossen werde, in Klausenburg ebenfalls, und in Bukarest sei es eben losgegangen. In Kronstadt herrschte noch Ruhe, man hörte allerdings, daß in den großen Betrieben die Arbeiter seit Tagen nicht mehr arbeiten würden.

Nach dem Mittagessen, gegen 14.30 Uhr, setzte ich mich in den Wagen und fuhr nach Tartlau, wo die Versammlung – das hatte ich in Erfahrung gebracht – um 15 Uhr beim Sitz der LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) stattfinden sollte. Zur Sicherheit stellte ich das Auto vor dem Haus des mir gut bekannten evangelischen Pfarrers ab, ich wußte ja nicht, wer bei der Versammlung dabeisein und wie sie ausgehen werde. Zu Fuß ging ich zur LPG. Die Versammlung hatte früher als vorhergesehen begonnen, ich hörte nur noch die letzten Stellungnahme. Im Saal befanden sich bloß Lehrkräfte, Ärzte, Leitungskader der LPG und des SLB (Staatlicher Landwirtschaftsbetrieb), Vertreter des Volksrates u.ä. Die ganze Angelegenheit war eine reine Formalität, die Versammlung war sehr schnell zu Ende, bereits vor vier Uhr war ich wieder in Kronstadt. Als ich aus der Bahnstraße auf die Iorga-Zeile kam, sah ich, daß der Munizipalvolksrat und auch der davor liegende Park von Soldaten in Kriegsausrüstung (mit Stahlhelm auf dem Kopf und dem Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett bei Fuß) umstanden waren, etwa alle drei Meter ein Soldat.

Ich schaute noch kurz in der Redaktion hinein, um zu hören, ob es Neuigkeiten gäbe. Dies war nicht der Fall. Aus dem Redaktionsgebäude kommend, hörte ich aus der Richtung Purzengasse/ Rudolfsring Lärm. Eine Frau forderte Passanten auf, nicht in jene Richtung zu gehen, es sei nicht gut. Ich beschloß, das Auto in Sicherheit, daß heißt nach Hause zu bringen, und dann weiter zusehen.

Als ich, aus der Klostergasse kommend, in Richtung Postwiese einbog, sah ich, daß die Miliz die Autos nicht mehr in Richtung Rudolfsring fahren ließ. Aus der Auto- und Trolleybushaltestelle lief mir eine Frau direkt vor den Wagen. Ich mußte halten, und sie flehte mich an, sie und ihre alte Mutter auf den Bahnhof zu bringen, sie habe bereits die Fahrkarte für Bukarest, aber die öffentlichen Verkehrsmittel würden nicht funktionieren. Ich versuchte ihr klarzumachen, daß die Straßen bereits gesperrt seien, aber sie drängte, ich solle es durch Nebengassen versuchen. Ich überlegte kurz und willigte ein. Im Auto sagte sie mir, daß in Bartholomä (einem Stadtviertel von Kronstadt) auf einen Arbeiterzug geschossen worden sei, sie hatte bei Kindern, die inzwischen ins Stadtzentrum gekommen waren, leere Patronenhülsen gesehen. Hätte ich diese Dinge vorher gewußt, hätte ich es mir wahrscheinlich überlegt, unter solchen Umständen für fremde Leute Taxi zu spielen. Aber ich hatte nun mal ja gesagt, und so fuhr ich bis zum Bahnhof und zurück, u. zw. ohne Zwischenfälle. Zu Hause fand ich meine Leute sehr erregt vor, auch eine Kollegin meiner Frau (Erdkundelehrerin) und ihre Tochter waren da. Aus der Stadt hörte man deutliche Sprechchöre der demonstrierenden Arbeiter. Wir beschlossen, auf die Spitze des Raupenberges hinter unserem Garten zu gehen und uns von dort die Dinge anzusehen. Einem Nachbarn, einem Rumäne, sagte ich beim Hinaufgehen über den Gartenzaun: "Die Rumänen sind Leute mit Seele, sie werden es ihm – Ceausescu – nie verzeihen, daß er Frauen und Kinder beschossen hat." Für mich war inzwischen auch klar, daß Ceausescu gehen mußte. Aber daß noch so viel Blut fließen sollte, bis es so weit war, daran habe ich nicht gedacht.

Wir waren noch nicht lange oben, da hörte man schon heftiges Maschinengewehrfeuer. Es waren glücklicherweise nur in die Luft geballerte Warnschüsse, klangen aber trotzdem erschreckend genug. Auf dem Berg hatten sich viele Leute, teils mit Feldstechern bewaffnet, versammelt. Man sah aber nicht viel, da über der Stadt ein leichter Dunst lag und es auch schon zu dunkeln begann. Die Sprechchöre der Arbeiter waren jedoch zu hören, und dann sah man auch, wie ein großer Zug Arbeiter vom Rudolfring in Richtung Postwiese kam und dann in die Klostergasse abbog. Ich weiß nicht genau, aus welchen Betrieben die Arbeiter stammten. Die Arbeiter, auf die man in Bartholomä geschossen haben soll (ich glaube, es waren auch jeweils nur Warnschüsse), waren von der Flugzeugfabrik gekommen, die zwischen Weidenbach und Heldsdorf liegt, sie waren die ganze Strecke zu Fuß gegangen (eta 17 km) und hatten das Militär immer wieder zur Aufgabe der sukzessive aufgebauten Sperren gezwungen. Diesem Zug, der schließlich in die Stadtmitte gelangte, haben sich vermutlich viele andere Leute, vor allem Jugendliche, angeschlossen. Nach ein paar Tagen sah ich in der Redaktion Fotos von diesem Abend, z.B. das Gebäude des Kreisparteikomitees, das von einer Wand von mit Schilden bewehrten Soldaten von den versammelten Menschenmassen beschützt wurde.

Noch am gleichen Abend fuhr ich problemlos bis in die Langgasse, an eine Stelle, wo Zigeuner in den vergangenen Jahren immer wieder trotz Verbots und harter Strafen, im Schutz der Dunkelheit "schwarz" Weihnachtsbäumchen verkauft hatten. Doch diesmal war von Zigeunern und Bäumchen keine Spur zu sehen. Bald wieder zu Hause, war ich – vom Standpunkt des Journalisten – neugierig, wie das Fernsehen die Ereignisse vom Vormittag in Bukarest reflektieren würde. Um 19 Uhr begann das Programm, es wurde die Rede vom Vormittag wiederholt, natürlich waren die Pannen schon wegretuschiert. Dann folgten Huldigungsgedichte und -lieder, der Fernseher wurde abgeschaltet, und wir hörten wieder die gleichen ausländischen Sender in rumänischer Sprache.

Am Freitag, dem 22. Dezember, war ich pünktlich um 8 Uhr in der Redaktion. Ich telefonierte sofort mit meinem Chefredakteur, der diese Woche den Dienst in der Druckerei versah (wir wechselten einander ab). Er hatte gegen 6.30 Uhr bei der Bahnhofspost den "Neuen Weg" mit der Fernsehansprache Ceausescus erstanden und war dann in die Druckerei gefahren, um den Text dem Linotypisten zum Setzen zu geben. Aber auf dem Weg dahin kam ihm bereits die ganze Belegschaft der Druckerei entgegen, alle strömten ins Stadtzentrum, in der Druckerei fand er nur den Direktor und den Pförtner vor.

Wie die Druckerei machten es an diesem Tag alle Fabriken der Stadt, zigtausende demonstrierten. Auch am Redaktionsgebäude zogen Demonstationszüge vorbei, die Leute trugen Landesflagge, aus denen das sozialistische Wappen herausgeschnitten war, mit Sorgfalt oder auch eilig angefertigte Losungen wie "Jos Ceausescu!" (Nieder mit Ceausescu!), an denen auch Schuhe baumelten (Ceausescu war in seiner Jugend bekanntlich Schusterlehrling gewesen). Sprechchöre riefen: "Pressefreiheit!" (In unserem Pressehaus befinden sich die Redaktionen einer rumänischen Tageszeitung, einer ungarischen und unserer Wochenzeitschrift, einer rumänischen Kultur-Monatsschrift, "Astra", sowie die lokale Redaktion von Fernsehen, Radio und mehrerer zentraler Publikationen.)

Die Stimmung war an diesem Morgen im Pressehaus ziemlich bedrückend, zumal sich das Gerücht verbreitete, daß die Armee den Auftrag erhalten habe, auf das Volk zu schießen. Wenige Minuten vor elf Uhr – in der Straße vor dem Pressehaus befanden sich keine Demaonstrationszüge mehr – sah ich auf der Straße Leute aufgeregt gestikulieren und hin und her laufen. Ich öffnete das Fenster und fragte nach dem Grund. Die Leute riefen. "A abdicat!" (Er hat abgedankt!). Ich ging sofort in den Raum, in dem mein Schreibtisch steht, nahm das Ceausescu-Bild, daß dort an der Wand hing (es gehörte zum Inventar des Raumes, ich hatte es Anfang November, als ich in diese Büro einzog "geerbt") und steckte es hinter einen Schrank. Doch gleich darauf kam eine kalte Dusche: das Kommuniqué im Radio, daß über das ganze Land der Notstand verhängt worden sei, daß es sich herausgestellt habe, daß der Verteidigungsminister Milea ein Verräter sei und daß er Selbstmord begangen habe. Als ich das hörte, ging ich und hängte das Ceausescu-Bild wieder an die Wand. Das Kummuniqué wurde nun alle zehn Minuten gesendet, bis etwa gegen 11.40 Uhr, dann war nur noch Musik zu hören. Um 12 Uhr warteten wir auf eine Nachrichtensendung, aber umsonst. Kurz vor ein Uhr kamen dann aus dem Radio ganz ungewöhnliche Worte: "Wir sind da"! "Wir haben gesiegt!", "Wir sind im Gebäude des rumänischen Rundfunks!". Etwa so. Da der Video-Monitor im Büro des Chefredakteurs keinen Fernsehton hatte, liefen wir in den zweiten Stock zur Astra-Redaktion, um die Ereignisse im Fernsehen mitzubekommen. Gelände und Gebäude des rumänischen Fernsehens in Bukarest waren von Demonstranten und der Armee in Besitz genommen worden. Ungeheure Menschenmengen umgaben den Sitz des Fernsehens. Es wurde zunächst alternativ aus dem Hof des Fernsehens, von einer improvisierten Bühne, und aus dem Studio gesendet. Die ersten Sprecher, die zu Worte kamen, waren (nicht unbedingt in dieser Reihenfolge) der Dichter Mircea Dinescu, der Schauspieler Ion Caramitru und der Filmregiesseur Sergiu Nicolaescu. Vor allem letzterer hatte auf mich einen tiefen (positiven) Eindruck gemacht. Wir sahen und hörten Teilnehmer an den revolutionären Ereignissen in Bukarest, soeben befreite politische Häftlinge, hohe Militärs und Geistliche etc. Gegen 16 Uhr wurde die Sendung für etwa eine Stunde unterbrochen, der altersschwachen TV-Apparatur eine Pause gegönnt. – Das Ceausescu-Bild in meinem Büro hatte ich kurz nach Beginn der TV-Sendung zum zweiten Mal – diesmal endgültig – von der Wand genommen.

Ich ging nach Hause, wollte auf dem Heimweg Brot kaufen, doch die Geschäfte waren geschlossen. Auf den Straße herrschte Ruhe. Mir fiel auf, daß einer meiner Nachbarn die rumänische Fahne zum Fenster hinaus gesteckt hatte (am nächsten Tag, als in der Stadt gekämpft und geschossen wurde, war die Fahne wieder verschwunden).

Auch an diesem Abend sah ich in der Langgasse nach einem Tannenbäumchen, gleichfalls ohne Erfolg. Den Rest des Nachmittags und Abends verbrachten wir vor dem Fernseher. Gegen 17 Uhr hatte die Sendung wieder begonnen, das Fernsehen brachte Direktaufnahmen von einer großen Kundgebung, die die Front der Nationalen Rettung auf dem Platz der Republik vor dem ehemaligen Sitz des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei veranstaltet hatte. Vom Balkon des ZK waren einige Redner zu hören, u.a. Dumitru Mazilu, doch bald hörte man aus der Menge Schreie, es wurde geschossen. In regelmäßigen Abständen brachte das Fernsehen an diesem Abend Direktaufnahmen von diesem Platz, man sah und hörte, daß scharf geschossen wurde, die Geschosse zeichneten leuchtende Spuren in die Dunkelheit. Bald sah man auch schon den Palast der Republik (das ehemalige Königs- dann Präsidialpalais, in dessen einem Flügel das nun arg mitgenommene nationale Kunstmuseum untergebracht ist) und die Zentrale Universitätsbibliothek in Flammen stehen.

Nach Mitternacht gingen wir zu Bett. Geschlafen haben wir aber kaum, denn gegen zwei Uhr in der Nacht fing ein heftiges Schießen an, aus der Stadt wurde mit kleinkalibrigen Waffen (wohl Maschinenpistolen und Maschinengewehren) auch in Richtung Raupenberg, dem Berg, wo wir wohnen, geschossen. Das ging so die ganze Nacht. Gegen fünf habe ich versucht, noch ein bißchen zu schlafen, weil ich annahm, daß mir ein schwerer Arbeitstag in der Druckerei bevorstehe.

Gegen acht sprach ich telefonisch mit meinem Chefredakteur, der schon in der Druckerei war. Wir beschlossen, aus der bereits Mittwoch abgeschlossenen Ausgabe bloß die dem gestürzten Regime gewidmeten Materialien herauszunehmen (einen Leitartikel zum Staatshaushalt für das Jahr 1990, in dem der Name des Diktators allerdings gar nicht erwähnt war, und einen kurzen Bericht über Ceausescus Iran-Besuch) und statt dessen das Freitag Abend im Fernsehen vorgelesene Kommuniqué des Rates der Front der Nationalen Rettung in eigener Übersetzung zu bringen sowie unbedingt im Laufe des Tages zu drucken. Ich beschloß sofort in die Druckerei zu fahren. Als ich aus dem Haus trat, stand unser Berg aber so stark unter Beschuß, daß ich beschloß, eine Feuerpause abzuwarten. Da merkte ich, wie sich, jeweils hinter Bäumen Deckung suchend, junge Männer durch den Wald bergauf heranpirschten, in einer Hand ein Gewehr, in der anderen die Trikolore. Aus Telefongesprächen mit Bekannten in der Stadt erfuhr ich, daß Terroristen sich im Weißen Turm, einer Befestigungsanlage aus dem Mittelalter, etwa 200 m von unserem Haus entfernt, eingenistet hätten, ebenso im Schwarzen Turm und auch hinter dem sogenannten Pionierpalast, wo in letzter Zeit Trinkwasserreservoire eingerichtet worden waren. Die Jungen mit den Gewehren, die ich aus dem Fenster beobachten konnte, waren offenbar Mitglieder der bewaffneten Arbeitergarden.

Als sich nach einer knappen Stunde etwa das Geschützfeuer ein bißchen gelegt hatte, ging ich wieder aus dem Haus. Doch als ich ins Auto steigen wollte, rief mir einer der Jungen aus dem Wald zu, er schieße sofort, falls ich ins Auto steige und losfahre. Er kommandierte mich zu sich, ich zückte sofort den Journalistenausweis und ging mit empor gehobenen Armen den Berg hinab, auf den Mann zu, der sein Gewehr auf mich gerichtet hielt. Ich reichte ihm den Ausweis, sagte, wer ich sei und daß ich in die Druckerei fahren wolle. Ich mußte auch meine Jacke öffnen, damit er sich vergewissern konnte, daß ich darunter keine Waffen trage. Dann fragte er auch, was ich in der Druckerei drucken wolle. Ich sagte: "Ich weiß es nicht, der Chefredakteur hat mich hin bestellt." Theoretisch bestand nämlich die Möglichkeit, daß der Mann kein Gardist, sondern ein Terrorist ist, der mich kaltblütig niedergeknallt hätte, wenn ich ihm gesagt hätte, wir wollen eine Ausgabe mit dem Kommuniqué der Front der Nationalen Rettung drucken. Mein Mann beriet sich durch lautes Rufen mit einem anderen Mann, der etwas weiter weg hinter einem anderen Baum stand, und mit "Herr Ingenieur" angesprochen wurde: Was mit mir zu geschehen habe usw.? Sie fragten mich, wie ich denn in die Druckerei gelange wolle, es werde überall geschossen, ich solle nach Hause gehen. Es klang mir mehr nach Befehl als nach gutem Rat. Ich fügte mich, auch aus der Überlegung heraus, daß schon vier Kollegen in der Druckerei waren, meine Abwesenheit also halbwegs zu verkraften war.

Die "Karpatenrundschau" wurde an diesem Samstag tatsächlich gedruckt, obwohl auch die Druckerei beschossen wurde. Ein bewaffneter Terrorist wollte sich gar in den Betrieb einschleichen, doch er wurde gefaßt und unschädlich gemacht. Der dramatischste Teil dieses Tages war aber für meine Kollegen der Weg nach Hause, weil überall in der Stadt geschossen wurde. Man hatte eine Reihe von Zivilisten, einfachen Passanten, gehört, z.B. von einem orthodoxen Pfarrer, die auf der Straße niedergeschossen worden waren.

So verbrachte ich den Samstag zu Hause, teils vor dem Fernseher, teils vor der Schreibmaschine, da es einige Arbeiten für die nächste Ausgabe unserer "Karpatenrundschau" vorzubereiten galt.

Am Sonntag hatten sich die Dinge in Kronstadt einigermaßen beruhigt. Es wurde nur noch vereinzelt geschossen. Eine Freundin meiner Frau, die bereits erwähnte Erdkundelehrerin, rief an und bot uns ein Weihnachtsbäumchen an. Gegen zwölf Uhr setzte ich mich mit meiner Tochter Ursula und ihrem Freund Cosmin ins Auto, und wir fuhren los – nicht Richtung Stadt, sondern in Richtung Schulerau, also den Berg weiter hinauf, weil besagte Freundin weiter oben, etwa beim Spital für Tuberkulosekranke, wohnt. Bei der sogenannten Aussichtswarte mußten wir die Sperre einer Arbeitergarde passieren, wir mußten uns ausweisen, das Auto wurde gründlich durchsucht. Unter den Leuten, die hier auf Posten waren, erkannte ich den Ingenieur von Samstagmorgen.

An diesem Tag war ja der vierte Advent und zugleich der Heilige Abend. Für einen Kronstädter Deutschen ist dieser Tag einfach unvorstellbar ohne den Heilig-Abend-Gottesdienst in der Schwarzen Kirche. An diesem Sonntag gab es keinen Gottesdienst, weder am Vormittag, noch am Nachmittag. Da wir aber unverhofft doch zu einem Bäumchen gekommen waren, schmückten wir es am Nachmittag und feierten am Abend recht bescheiden Weihnachten. Wir sangen ein paar Weihnachtslieder, Michael, mein Sohn, spielte dazu am Klavier. In diesen aufregenden Tagen hatte Rodica (meine Frau) und Ursula es nicht geschafft, die in unserer Familie traditionellen Lebkuchen zu backen, mit denen unser Weihnachtsbaum auch immer geschmückt wird. Sonntag vormittag hatte Rodica statt dessen Brot gebacken, denn zum letzten Mal hatten wir solches drei Tage zuvor, Donnerstag, kaufen können.

Für Montag, zehn Uhr, hatten wir eine Redaktionskonferenz angesetzt (Weihnachten war bisher bei uns nicht arbeitsfrei, wird es aber ab nun sein), um zu sehen, wie unsere nächste Ausgabe zu gestalten sei. Ich ging rechtzeitig aus dem Haus, um mir die Spuren der Schießerei in der Stadt anzuschauen. Am ärgsten mitgenommen – zerschossene Fensterscheiben, Brandspuren – war das Capitol-Hotel und das benachbarte Modarom-Gebäude in unmittelbarer Nähe des Kreisparteikomitees, wo sich offenbar Terroristen eingenistet hatten und große Munitionsdepots gefunden worden sein sollen. Besonders heftige Kämpfe soll es auch im Umkreis der Raffinerie gegeben haben, und auch die Brotfabrik wurde beschossen – in beiden Fällen ohne (durchaus mögliche) katastrophale Folgen.

Am gleichen Tag interviewte ich den Kronstädter Stadtpfarrer, der bei den revolutionären Ereignissen vom 22. Dezember eine wichtige Rolle gespielt hatte.

Die Nacht vom ersten auf den zweiten Weihnachtstag verging wieder fast ohne Schlaf. Am Abend hatte das Fernsehen gemeldet, daß das Diktatorenpaar abgeurteilt und hingerichtet worden sei. Die ganze Nacht kam über den Bildschirm die Mitteilung, daß in Kürze Aufnahmen vom Prozeß gezeigt würden. Gegen fünf Uhr früh legte ich mich schlafen, die Aufnahmen vom Prozeß wurden erst im Laufe des Tages gesendet. (War die Lage in dieser Nacht in Bukarest derart kritisch, daß die Bevölkerung auf diese Weise wachgehalten werden mußte?)

In den nächsten Tagen begann sich das Leben zu normalisieren. Bloß in den Nächten wurden noch vereinzelt Terrorakte verübt, und zwar gerade in der Gegend der Raffinerie. Silvester feierten wir wieder ganz bescheiden. Den "Festschmaus" bildete eine Fischkonserve. Drei Tage vor Silvester hatten wir zwei mit einem Hilfstransport angereiste Leute von der Johanniter-Unfall-Hilfe aus der Bundesrepublik für eine Nacht beherbergt, die Fischkonserve stammte von ihnen. Dazu fand ich in der Kammer noch eine Flasche Wein, die uns Freunde aus Großwardein/ Oradea zwei Wochen vorher dagelassen hatte.


Wolfgang Wittstock
Redaktion Allgemeine Deutsche Zeitung:
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